DIE SEXWELLE IM NIEDERLÄNDISCHEN FILM


Von Hans Schoots - In den zechziger Jahren hatte Frankreich seine Nouvelle Vague, Deutschland seine Neue Welle und Holland seine 'Nieuwe Golf'. Zu den treibenden Kräften gehörten Pim de la Parra und Wim Verstappen – bekannt als 'Pim und Wim' – mit ihren Produktionsbetrieb Scorpio. Sie wollten erneuerung im Film, waren aber großen Besucherzahlen nicht abgeneigt. Nur: wie sollte man das Publikum erreichen?

In den sechziger Jahren gelang es kaum. Eine auffallende Ausnahme gab es bei den geringen Besucherzahlen. Der Ende 1969 erschienene Film Obsessions unter der Regie von Pim de la Parra zog unerwartet viel Publikum an. Obsessions handelte von Erotik und enthielt teilweise sado-masochistisch gefärbte Sexszenen. Hier schien der lange gesuchte Berührungspunt zwischen Filmemachern und Publikum zu liegen: in der Vergangenheit wurden Individualismus und eine antibürgerliche haltung im kleinen Kreis gepflegt, nun begann auch der Durchtschnittsbürger sich von den traditionellen Normen abzuwenden, nicht zuletzt auf dem Gebiet der Sexualität.

Das große Jahr der niederländischen Sexwelle wurde 1971. In jenem Frühjahr gab es viel Aufhebens um Mira des herausragenden Regisseurs Fons Rademakers, eine flämische Landgeschichte über den Widerstreit zwischen Moderne und Tradition. Mira enthielt nur einige Nacktszenen mit der Schauspielerin Willeke van Ammelrooy. Diese kamen allerdings alle im Trailer und wer der Werbung glaubte, mußte wohl einen Sexfilm erwarten. Das Publikum strömte in den Film. Kurz darauf kam die deutsche Version von Wim Verstappens Blue Movie unter dem Titel Das Pornohaus in Amsterdam heraus. Monate später erschien nach vielem Hin und Her mit der Filmzensur Blue Movie auch in niederländischen Kinos, gleichzeitig mit Wat zien ik? (Was sehe ich? Was sehe ich?) unter der Regie von Paul Verhoeven. Im folgenden Monat kam auch noch Erik Terpstras Sexkomödie Daniel heraus.

Von diesen Filmen ist Blue Movie wegen seiner Radikalität der Interessanteste. 'Blue Movie zeigt was Was sehe ich? nicht zeigt', war der Slogan des Produzenten Scorpio. Blue Movie ist nicht als künstlerische Meisterleistung in Erinnerung geblieben. Um Kosten zu sparen, mußte alles auf 16 mm Material von mäßiger Qualität gedreht werden. Die grobkörnigkeit und die Verfärbungen nach dem Aufblasen auf 35 mm trugen wahrscheinlich ungewollt zur pornographischen Atmosphäre bei. Die Handlung läßt an ein erprobtes Pornoprocedere denken. Michael – der Schauspieler Hugo Metsers – hat jahrelang im Gefängnis gesessen, bezieht nach seiner Freilassung ein anonymes Appartement in einer Vorstadt, etdeckt da, daß die neue Welt inzwischen voller unvermuteter sexueller Freiheiten ist und eilt fortan von einer offenherzigen erotischen Szene zur nächsten.

Der Regisseur Wim Verstappen hatte schon früh in den sechziger Jahren im niederländischen Fernsehen für das Recht auf 'ehrliche Pornographie' plädiert. Aber Verstappen kann auch die Tatsache zugeschrieben werden, daß Blue Movie zwei Gesichter hat. Den der Regisseur war zwar auf Provokation aus, er war aber doch zu ernsthaft um es dabei zu belassen. Einerseits enthielt sein Film eine Reihe sexueller Möglichkeiten, von 'man kann es auch im Aufzug statt in Bett machen', bis Travestie, freiem Sex, Partnertausch und Prostitution. Andererseits gibt der Ort der Geschehnisse zu denken. Der Sprecher redet über die 'Wohnschachteln' der Vorstadt, wo die Menschen in Einsamkeit leben. Hier wohnte der 'entfremdete Mensch'. Alle diese Wohnburgen sind Schiffe auf See, sagt der Sprecher. Die sexuellen Experimente bekommen also einen Kontext der Verzweiflung. Im Finale beschließt Michael, nach vielen sexuellen Ausschweifungen, daß es Zeit wird für wahre Liebe mit eíner Frau.

Verstappen erklärte damals: 'Eine solche sexuelle Freiheit, für viele gegenwärtig ein Ideal, mag auf den ersten Blick anziehend erscheinen, aber es wird schwierig, wenn wirklich damit gelebt werden muß'. Der Film kann so sogar als ein Pamphlet gegen die Dekadenz ausgelegt werden. Aber auch wenn Verstappens Kulturkritik aufrichtig scheint, so war der Film in dieser hinsicht nicht sehr überzeugend, weil das Publikum doch scharf gemacht wurde auf alles, wovor es gleichzeitig gewarnt wurde. Der Produzent Wim und der Regisseur Wim wußten nur allzu gut, daß der Erfolg ihres Films nicht von der Moral abhängen würde, sondern von dem Aufsehen, das sie zu erregen wußten.

Blue Movie kam in den Niederlanden dank dem respektabelen Hintergrund der Filmemacher, dem doppeldeutigen Charakter ihres Films, den schönen Theorien, mit denen sie diesen umgaben und vor allem dank dem Zeitpunkt, zu dem der Film herauskam, in reguläre niederländische Kinos. Offensichtlich schien das ganze Land ein wenig darauf zu warten. Es gingen, bei einer Bevölkerung von 13.2 Millionen, etwa 2.3 Millionen Besucher hin. Die Niederländer waren neugierig und auf der Suche nach neuen Einsichten und neuen Freiheiten. Sie waren nur allzusehr von dem Sexleben fasziniert, wie es sich nach der Phantasie von Verstappen in einem Amsterdamer Vorstadhochhaus abspielte. Der Film, der bestimmt keine mainstream Ausstralung hatte, kam beim Publikum aller Schichten der Bevölkerung an, sowohl in der Stadt als auch auf dem Lande. Außerdem gab es auffallend erfolgreiche Vorführungen in der Nähe der deutschen und belgischen Grenze. Es kamen mehrere hunderttausend kinematographische Grenzgänger aus den Nachbarländern.

Zur Sexwelle, die ungefähr von 1971 bis 1975 dauerte, gehörten unter anderem Paul Verhoevens Turks fruit (Türkische Früchte) und die Scorpio-Filme Frank en Eva , Alicia und Mijn nachten met Suzanne, Olga, Julie, Piet en Sandra (Meine Nächte mit…). Frans Weisz, ein anderer herausragender junger Regisseur, hielt sich zurück, ließ aber De inbreker (Der Einbrecher) doch im Rotlichtviertel spielen und Naakt over de schutting (Nackt über den Zaun) in einem Pornofilmemachermilieu. Der ältere Fons Rademakers versuchte mit Because of the Cats ebenfalls mit dem Zeitgeist zu gehen: Die ‘Katzen' sind sechs Mädchen, die zu einer unmoralischen Jugendbande gehören.

Auf der Liste der bestbesuchten niederländischen Spielfilme aller Zeiten steht im Jahr 2007 noch immer an erster Stelle Türkische Früchte, auf Platz vier Was sehe ich? Was sehe ich? und auf fünf Blue Movie. Zusammen erreichten sie im eigenen Land etwa 8 Millionen Besucher.

Während der Erfolg von Blue Movie vor allem von Skandal und Provokation lebte, entwaffnete Türkische Früchte das Publikum zwei Jahre später mit einer Kombination aus Sex und Rührung. Türkische Früchte war der einzige niederländische Film, der das Kinematographische Ideal der damaligen sexuellen Revolution einigermaßen befriedigte, so wie es unlängst treffend von der Filmhistorikerin Linda Williams zusammengefaßt wurde:

'Ein paar liberale Journalisten, Pornochefs und -Stars begannen enthousiastisch über eine utopische Zukunft zu sprechen, in der Pornofilme richtige Filme würden und richtige Filme Porno (d.h. echten Sex) enthalten konnten. In der Zukunft der man sich vorstellte, wären explizite sexuelle Handlungen auf natürliche Weise in erzählerische Filme integriert, nicht für die regelmäßige Dosis an Befriedigung und für den von der Pornoindustrie geforderten Anteil money shots, sondern um die repräsentative Kraft des Mediums auf die Domaine der sexuellen Handlungen auszuweiten. In dieser vorgestellten Zukunft würde Pornographie als solche verschwinden, Pornostars sollten zum Mainstream überwechseln, und respektierte Schauspieler sollten das Spielen von sexuellen Handlungen als einen Teil der Herausforderung ihres Fachs ansehen.'

Natürlich war Türkische Früchte kein hardcore-Film und 'echten' Sex enthielt er nicht, aber es gab ziemlich explizite Szenen, die zeigten, daß Sex selbstverständlich sein konnte und in einem Publikumsfilm mit einer Geschichte, in der es um mehr ging, überzeugend integriert werden konnte. Verhoevens Film überwand endlich das Gefühl, daß der einzige Zweck das Brechen des Sex-Tabus war, oder daß der Rest eines Films ein Vorwand für die Sexszenen war. Türkische Früchte sprach primär die Gefühle an und beeindruckte durch die Kombination von Großen Gesten und Subtilität, Grobheit und Sensibilität, die für das Werk Verhoevens und seinen Szenarioschreiber Gerard Soeteman charakteristisch wurden.

Die Sexwelle im niederländischen Film hatte sowohl ein emanzipatorischen als auch einen geschäftlichen Aspekt. Provokation galt an sich schon als emanzipatorisch – auch in einem kommerziellen Film – in einer Zeit, in der das Wort 'Obzönität' noch überall durch die Gerichtssäle wehte. Tun was nicht erlaubt war, wie primitiv auch immer, wurde eine politische Tat.

Auch in mehrere Filme von Pim de la Parra und Wim Verstappen gingen Geschäft und Emanzipation zusammen. Ganz glaubhaft wurden sie dabei nicht, trotz der ernsthafteren Themen, die darin angetippt wurden, wie: Mann ist so sexbesessen, daß er seine Beziehung auf's Spiel setzt (Frank en Eva, Regie Pim de la Parra) oder: Frau entflieht der Enge ihrer Ehe (Alicia, Regie Wim Verstappen). In beiden Filmen spielt Willeke van Ammelrooy die weibliche Hauptrolle, aber ohne viel Enthousiasmus. Über Alicia sagte sie kritisch: 'Unabhängig sein ist nicht nur, ins Bett zu gehen mit wem man will.' Die dünne Handlung war representativ für zahllose ebenso leichte Szenarios für anderen Filmen im In- und Ausland. Und doch bezog sie sich bei aller Oberflächlichkeit auch etwas auf eine neue gesellschaftliche Position der Frau. Geschäft war aber nicht nur Kommerz, es konnte auch das Angreifen der persönlichen Integrität von Schauspielern beinhalten. Vor allem von Schauspielerinnen sind Klagen bekannt. Teilweise sind die mit dem eindimensionalen Charakter ihrer Rollen zu erklären. Eine gute Schauspielerin wollte natürlich gern ihre Vielseitigkeit zeigen. Aber es gab auch anderen Unfrieden über den großen Nachdruck auf Sex.

Als Willeke van Ammelrooy für Mira gekastet wurde, war sie ein halber Hippie, gerade aus einer Kommune in Marokko zurückgekehrt. Sie verkehrte in einem freigekämpften Milieu. Auf die Frage: 'Sex wird immer wichtiger im Film. Findst du es funktional?' antwortete sie: 'Ja, weil es gehört nun mal zum Menschen.' Nichtdestoweniger aüßerte sie sich in Interviews gerade an diesem Punkt enttaüscht über die Filme, in denen sie spielte. Die Realität war weit von der Utopie, die sie sich offensichtlich vorstellte, entfernt. Das Niveau der Provokation oder der schnellen Routine würde selten überschritten. Über Pim und Wim: 'Was mich an ihren Filmen so irritierte war, daß das Nackte ausschließlicher Zweck zum Verkauf des Films war. Ich bin persönlich davon Opfer geworden. Mit dieser Nacktheit bekamen sie unglaublich viel Publizität. Wir hatten abscheuliche Kräche darüber.' Auch andere Schauspielerinnen waren unglücklich über ihre Rollen in Nacktfilmen, wie Carry Tefsen, die eine Hauptrolle in Blue Movie spielte. Sogar die unerschütterlich scheinende Sylvia Kristel, die niederländische Schauspielerin, die als 'Emmanuelle' berühmt wurde, hatte während der Aufnahmen von Emmanuelle I eigentlich schon genug davon. Als Pim de la Parra ihr 1974 eine Filmrolle anbot, schrieb sie zurück:

'Das Problem ist, daß ich mir geschworen habe:
•  nicht mehr nackt zu erscheinen
•  keine Bums- oder Saugszenen mehr zu machen
•  sehr viel Geld zu verdienen!'

Ausschlaggebend schien letztendlich das letzte Argument. Im folgenden Jahr kam der zweite Emmanuelle-Film doch mit Kristel in der Hauptrolle heraus.

Die weibliche Unzufriedenheit war ein Ausdruck davon, was die verwirrende Dialektik der Sexwelle genannt werden kann: Die Schauspielerinnen fanden wohl auch, daß es eine emanzipatorische Seite daran gab, aber zugleich fühlten sie sich benutzt. Wim Verstappen merkte zu der Zeit an, daß die 'sexuelle Reform' oft eine Männersache blieb. So war es üblich, daß Frauen sich während der Aufnahmen von Sexszenen vollständig entkleideten, während die männlichen Schauspieler ihre Hosen anließen. Sylvia Kristel sorgte während der Aufnahmen für Emmanuelle für Aufregung. Die Aufnahmen mußten tagelang ruhen weil sie die Zusammenarbeit verweigerte, solange die Männer nicht auch die Kleider ablegten. In den Scorpio-Filmen und auch in Türkische Früchte gab es in diesem Punkt übrigens Gleichberechtigung.

In den meisten Filmen dominierte die männliche Sexualität. Unter radikalen sexuellen Reformen herrschte die Überzeugung, daß Mann und Frau Sex und Sexfilme auf dieselbe Art und Weise genießen konnten (mußten). Es lag an den gesellschaftlichen Verhältnissen, an der Unterdrückung der Frau, wenn sie es anders erlebte. In diesem Fall war sie 'konditioniert'. In Wirklichkeit war diese Theorie natürlich selbt auch eine Form der Unterdrückung.

Als die niederländische Sexwelle 1975 dem Ende zuging, gab es von vierzehn Spielfilme diesen Jahres nur noch ein paar, in denen Sex die Hauptsache war. Wohl blieb es noch lange Zeit danach eine Gewohnheit, in welchem niederländischen Spielfilm auch immer, einen sexuellen Moment aufzunehmen, offensichtlich die Kassenerfolge aus der ersten Hälfte der siebziger Jahre im Gedächtnis. Solche money shots wurden immer mehr eine Pflichtnummer, die beim Publikum nicht mehr die Anerkennung von vorher bekommen konnte. 'Da haben wir's wieder!' klang es immer öfter in den Kinosälen.

© Hans Schoots (Zusammenfassung von Kapitel 4 aus: Hans Schoots, Van Fanfare tot Spetters. Amsterdam 2004. Übersetzung Sibylle Rauch.)

^